Die Opern

Tippetts fuenf Opern stehen im Mittelpunkt seines Schaffens als Komponist und sind sein unverwechselbarer und innovativer Beitrag zum Repertoire des Musiktheaters im zwanzigsten Jahrhundert. Tippetts Interesse gilt nicht der Umarbeitung von bekannten Schauspielen und Buechern zu Buehnenversionen; er zieht es (von einer einzigen Ausnahme abgesehen) vor, stattdessen seine eigenen Handlungen und Gestalten zu schaffen und offenbart so die subversive Freiheit eines innovativen Dramatikers, dem das Koennen und die Praezision gegeben sind, seine Ideen erfolgreich in Opern umzusetzen. Keine seiner Opern wurde mit bestimmten Saengern im Sinn geschaffen. Tippett gibt zwar Hinweise zur Rollenbesetzung, setzt sein Vertrauen jedoch stets in den Dirigenten und den Regisseur, davon ausgehend dass sie mit ihrem aktuellen Wissensstand und ihrer Einsicht in das Potential einzelner

Saenger die bestmoegliche Wahl treffen werden. Viel wichtiger war Tippett von jeher die das Theater im weitesten Sinne umgebende magische Aura, seine Faehigkeit, sich selbst zu erneuern und die unkelsten Abgruende der menschlichen Psyche zu beleuchten. Seine Handlungen befassen sich haeufig mit Ereignissen, die Jean Cocteau (im Zusammenhang mit seiner Dramatisierung und Verfilmung der Orpheussage) als 'Grenzzwischenfaelle' bezeichnet hat. Viele von Tippett geschaffene Gestalten bewegen sich somit voellig ungezwungen zwischen ihrem wirklichen Selbst und mythologischen oder anderen Vorbildern hin und her oder werden von kontrastierenden aengergruppen definiert, von denen einige in der Welt des Alltags leben, waehrend andere aus einem Phantasiebereich in der Vergangenheit oder Zukunft kommen. Diese Gruppen schaffen Aufregung und Spannung, indem sie in das angestammte Territorium anderer Gruppen eindringen.

Die sich hieraus fuer ideenreiche Regisseure und Buehnenbildner ergebenden Moeglichkeiten sind betraechtlich. Keine individuelle Inszenierung einer Tippett Oper kann jemals in vollem Umfange alles, was ueber sie zu sagen waere, zum Ausdruck bringen. Es bleibt immer Raum fuer neue Auslegungsmoeglichkeiten, die Vision des Komponisten abrunden koennen. Und da diese Opern im allgemeinen fuer eine Auffuehrung in kleineren Theatern geeignet sind, haben sie mittlerweile einen festen Platz auf den Spielplaenen vieler auspieltruppen und Festspiele gefunden - wobei sich ihre Popularitaet nicht lediglich auf eminente Namen, sondern auch auf zahlreiche Studenten- und Tourneetheater in Grossbritannien und im Ausland

erstreckt. Die starke Affinitaet dieser Opern zum Film und Fernsehen ist jedoch bei weitem noch nicht voellig ausgeschoepft worden.

Tippetts Opern setzen sich mit unerschoepflichen Themen auseinander - dem Schicksal und der Vorsehung, sexueller Identitaet, Selbsterkenntnis und Macht - haeufig im Zusammenhang mit althergebrachten Ritualen und Feierlichkeiten. Das Interesse des Komponisten gilt jedoch in jedem Fall der Absicht, zeitgenoessische persoenliche und soziale Verhaeltnisse in einem neuen Licht zu zeigen. Das grundlegende Element seiner Opern ist zwar ihr Unterhaltungswert, jede Neuinszenierung einer dieser Opern hat jedoch - sofern sie mit Flair und Verstaendnis ausgefhrt wurde - die Fuehigkeit, das Leben ihrer Zuschauer veraendern.