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The Mask of Time
Erster Teil
1. Gegenwart
Tenorsolo und Chor
Die angenommene Entstehung des Kosmos oder auch eine andere Konzeption wie Reversion wird in Musik und wenigen Worten zum
Ausdruckgebracht. Der Chor blicktunpersortlich 'zurück'auf die unermeßlichen Äonen von Zeit und 'hinaus' in die Unendlichkeit von
Raum. Der Solist singt persönlich aus der Bitterkeit und Unmittelbarkeit von hier undjetzt heraus. (Diese Art von zeitlicher Disjunktion
ist ein poetischer Kunstgriff, der in diesem Werk viele Male Anwendung findet J
CHOR
Laut
Wo kein Windhauch
TENOR
Alles Metapher, Malachias, Stelzen sind's
Malachias, Malachias, Stelzen sind's.
Laut
Sang
Ei-schallend
Die Ringelgans
hoch oben in der Weite der Nacht; Nacht zerrinnt und der Tag bricht an.
Erkundend
Zerberstend
In der Zeit
ln den Raum
Ich, durch das schreckliche neuerstandne Licht
schreit fort, schreit fort.
Wendend
Zur Umkehr
Auf ewig
Im Wandel
(Die Musik leitet in Nr.2 über)
2. Erschaffung der Welt durch Musik
Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsoli
Die kosmische schöpferische Kraft wirkt durch Musik — eine uralte Uberlieferung, derzufolge Musik Ordnung in äußere oder innere Unordnung bringen kann und physische Macht besitzt (vgl.Orpheus). Schiwa (Schöpfer, Bewahrer, Zerstörer) tanzte unsere Welt in ihr Dasein. In der Sphäre von Phantasie und Offenbarung sind die Stichworte hier 'Traum' und 'rückwärts'. In derkompiementären Sphäre materiellen Wissens lauten sie 'Maß' und 'Macht'. ¡-lalleys Komet war 1910 zu sehen (ich sah ihn selbst noch als Kind); er ist 1986 wiedergekehrt. Mag sein, daß die Boten, ja sogar die Engel, wiederkehren . . .
SOLISTEN
Solin wir . ..?
Träumen rückwärts in vergangne Zeit?
Gott Schiwa tanzend ruit beredtem Fuss
Orpheus entiockend seiner Leier
Macht zu rühren Stein Solin Wir . ..?
Bejahet!
Mass der Dinge begann unsere Macht, festigend des Spiegels Echo des Spiegelichts. Göttlich ist aus sich selbst Musik. Mein Ohr ei-gründet Flusses Rauschen.
Doch, ich weiss.
Der grosse, wilde Satellit ist auf neuem Kurs. "Entsinne dich", so raunte er mir ins Ohr, "er kehrt zurück . . . eilend auf der Bahn der Heimkehr zu der Sonne." Eine Schar von Engeln, hoch am Himmel, singend, singend
und der Dichter singend:
Vollendet ist das grosse Werk.
3. Dschungel
Soli und Chor
liber die Vielfalt und verschwenderische Fülle der Fonnen bei der Spezies Tier ist so viel beobachtet und geschrieben worden, daß uns vor Ungläubigkeit und Staunen derAtem stockt. Wir inägen ihretwegen verstört sein, vermeinend, sie sei ziellos, skurril, ja sogar grausam. Sie ist, geniessen an Tempo und Rastlosigkeit der Geschichte der Menschheit deutlich zu 99,9 Prozent fixiert und ewig, und deshalb sinngemäß zunehmend bedeutungslos. Und dennoch müssen wir Menschen einen Ausgleich finden zu'ischen dem Staunen und dem Horror.
Der Sound dieses metaphysischen 'Dschungels', der den ewigen Kampfrwischen Bente und Räuber versinnbildlicht, manifestiert sich in einem vierstimmigen Chorkomplex von Wortfetzen. Diese Wortfetzen lassen sich aufNachahmungen von Tierlauten zurückführen, während die Onomatopäie vorwiegend vom Rhythmus suggeriert wird.
CHOR
Plapper-schnatter, plapper-schnatter, Äffchen
Tapp, tapp, die Riesenkatzen lauern, fauchen . . . On!
Hahyänen-gleich ahahahaha. Lachender Hans!
Kra lera ott oft, spott krächzen Krähen.
(wütender Entsetzenssch rei)
Merde!!
SOLISTEN
Wer liebt, kann sehn, und wer wissend ist.
Sieh hin die Pilgrin liebevoll an dem Creek, suchend in dem Tierkreis der Zeit, das Kleine für das Grosse.
Als würd' ich jagen in der dünen Savanne oder glas-bewehrt tauchen in der Tiefe.
Krokiokiax
SOPRAN
Bis dann ich kniet' auf des Eilands wintertotem Gras, verlorn, betäubt, starrend auf den Frosch in dem Creek, vier Fuss von mir. Zeugin wurd' ich, wie er zu schrumpeln,
zu zerfallen begann. Das Leben schwand aus
seinen Augen wie verlöscht.
Die Haut hohl und schlaff; sogar sein Schädel schien zu kniftern, einzufallen wie ein gestürztes Zelt. Er verfiel vor meinem Aug' wie ein Fussball, dem Luft entweicht.
ALT
Durch die Öffnung schiessen Gifte, sie zersetzen des Opfers Muskeln, Gebein und Organe
-. nur nicht die Haut; durchs Loch die Riesenwasserwanze saugt leer des Opfers Körper, nunmehr nichts als Saft.
SOPRAN
Ich starrte bestürzt, entsetzt. Oval ein Schatten hing in dem Wasser, ganz dicht bei dem leeren Frosch; dann glift er davon.
Merde!!
BARITON
Allah fragt:
"Der Himmel und die Erde und alles dazwischen, glaubest du, ich schuf sie zum Spass?"
Bisswass, schwirren Schwingen
ALT
Manchmal legt ein Goldauge seine
Eier ab auf einem grünen Blaft an einem langstiel'gen Halm, Es ist hungrig.
Es hält beim Legen inne, dreht sich um und frisst seine Eier eins ums andre. Dann legt es mehr und frisst auch sie.
TENOR
"Nun, Herrgott", fragt im Sterben das zarte Goldaug, die Mandibeln noch nass von dem Saft, erzeugt in seinem eignen Ovipositor, "Sag, was soll das nur?"
Man glaubt es kaum, er konnt's nicht . .
SOPRAN
Lasst mich hinaus aus dieser Schwüle!
Hole fief Luft, Elias: Zünd' dein Feuer!
Die Welt mag erstarrt sein, aber niemals zerbrochen.
Die fliehnden Trümmer, die ich sah', die Hinterteile, sind
Geschenk, sind Bereich'rung.
SOPRAN UND ALT
Doch dann ond wann
Schau
das Gebirge barst . .
Schau
der Baum, wie er gleisst vor Licht . .
Laut
die Spottdrossel fällt
und Zeit entroilt sich über Raum wie eine Oriflamme.
4. Die Eisdecke treibt von Süd nach Nord Chor
Das Erscheinen des Menschen in der Geschichte, seine narnadischen Wanderungen, aufGnade und Ungnade den Elementen ausgeliefert, als das Eis in der nördlichen Hemisphäre sich über Tausende van Jahren hinweg nach Süden verlagert. LJrnss leichter vvrstellbar hebt sich eine familiäre Lehensardnung draufšen s'ar dein Hähleneingang ah gegen die Rituale im Innern der I-EthIc, wo der Mensch niysteriäsen Kvntakt zum Transzendentalen hat. Die Musik bewegt sich abwärts.
Ein genetischer Zufall yder auch 'Wunder' hei wildwachsenden Gräsern führt zur Entstehung der ersten, Bratgetreide spendenden Pflanzen, kultiviert cmii nacheiszeitlichen, in der Tat cnn ihnen abhängigen Menschen. Agrargesellschaften entstehen auf deen fruchtbaren Schlick der Eluf.lcbenen mit einem äuf3erlich deen unsrfgen näherkamenenden Lebensstil. Relfgiäse Observanz taucht ebenfalls aus dem Untergrund auf (die Musik bewegt sich aufwärts): gen'altsaene Rituale, deren Erinnerung bis heute tvn den Pyramiden und den Tempeln in Mexiko und anderen Stätten n'achgehalten wird, finden jetzt statt.
Die Minner gehen jagen, denn der Fisch schwimmt jetzt schon unter Flusses Eis, ee atmet nur am Luftloch.
In dieser Jahreszeit die Kälte nimmt zu,
zieht gen Süd,
Zu fangen Bär und Karibu, der starke Mann braucht Geschlichkeit; Übung in Geduld, Ubung im Verfolgen, folgen wo das Rentier lief, Ubung im Töten mit Netz und Jagdspeer.
Heim ist an der Höhle hier,
südwärts hin zur Sonne.
Frauenpflicht die Familie.
Nach dem reichen Mahl die Reste den Hunden zum Frass,
Klett're hinab, abwärts in die Nacht, folge weit dem flackernden Licht! Woll'n wir tanzen und woll'n wir singen, wenn wir dort im Höhlendom? Fühln das Heiligtum mit der Hand? Bilder vom fliehnden Bison.
Wahrlich ein Rütteln in dem Triebwerk der Zeit, Jahrmillionen gepresst in Tausend, als die Eisdecke trieb.
Genetischer Zufall bei Pflanze und Mensch. Zufall?!
O, nehmt das in Kauf! Wir in jener Zeit kannten Tau, Marsch, Flusses Rauschen; fanden ein seltnes Korn.
Sang bei der Aussaat, Hurra für die Ernte, Dresch-flegel, drisch aus
das spriessende, unvergängliche Korn!
Hin'unelsgott bist du dort?
Drauf sprach der Donner:
DA
Trompeten echo Trompeten echo Trompeten
erschallend!
Wir steigen hoch die Stufen, Stein mn Stein, erklimmen die Zinne hoch über dem Tal, wo Priester zuckt das Obsidianmesser, reisst heraus des Menschen schlagend Herz
als Opfer für die Sonn'.
5. Traum vom Garten des Paradieses Soli und Kammerchor
Erst jetzt erreichen wir, was eine festgefl~gte Gesellschaft möglich macht — ein Garten Eden. Von jeher ein Traum, vorwärts oder rückwärts, wird er nie zur dauerhaften Wirklichkeit, denn immer sind Räuber (z.B. der Zentaur) aufdem Sprung, einzudringen und zu plündern ... Dieser Satz beschwört Eden mit Versen aus Mutons Verlorenem Paradies, vertont nach Art eines Renaissance-Madrigals, gefolgt von einer instrumentalen Überleitung (Flöten und Harfe) im Rhythmus einer Sarabande. ln dereigentlichen Handlung gibt es vier Darsteller: zwei menschliche (DerMann und Die Frau), ein übermenschlicher (unverbindlich Urahnegenannt) und ein Angehöriger des Tierreichs — ein Drache (der später von einer derart glorreichen Erscheinungsform 'degradiert' werden kann).
Der erste Teil der Szene schildert eine traumähnliche Ausgewogenheit, eine vollkommene Gemeinschaft göttlicher Wesen, Menschen und Tiere. Sobald dieser Traum zerbricht, kehrt sich alles ins Gegenteil. Der freundliche Drache wird zur Schlange degradiert. Der Urahne wird zur 'reinen, unberührbaren Gottheit', die zum Himmel aufführt. Der Mann und die Frau verlangen nach einer Erklärung, aber alles, was ihnen der impotente Urahne rät, ist zu beten.
KAMMER CHOR
Zur vollen Lust des Menschensinns, erfahm auf engem Raum der Schöpfung ganzer Reichtum, ja mehr, ein Himmel auf Erden;
denn seliges Paradies der Garten war.
Sudwärts wand sich ein mächt'ger Strom
durch den schroffen Berg, floss drunter durch, verschwand, und aufs neu entsprang segnete jeden Strauch, gab Nahrung Blumen, würdig des Paradieses. Das war der Ort!
MANN (TENOR)
Kommt, Urahne, und nehmet Platz!
URAHNE (BARITON)
Ich dank' euch; und die Luft ist kühl.
FRAU (SOPRAN)
Drachen sitzen nicht, nehru' ich an.
DRACHE (ALT)
Also plazier' ich mich hier auf dem Gras.
ALLE SOLI
Abendschatten
Ruhespender
Durchfluten die Auen
unseres Friedens.
UR AHN E
Mann, hast du unlängst die Mauern besichtigt?
MANN
Fester denn jemals:
Du wüsstest das auch ohne nachzusehen
DRACHE
Ich flog erst neulich drum herum; schienen heil zu sein.
FRAU
Mit unsrem Drachen als Beschützer, Alles ist heil und freundlich.
ALLE SOLI
Abendschatten
Ruhespender
durchfluten die Auen unseres Friedens.
Zu dem Zeitpunkt der Vollendung
des Hexagramms wird noch eine Linie ...
FRAU)~~ferh~i,~ht)
Drache, Drache, hast dich erkältet, zitterst in der Nachtluft?
DRACHE
Meine Waage senkt sich.
Zu spät, ach, zu spät, eine Neunerlinie in Reversion!
MANN
Hilf, Allwisser Urahne, Wie kommt das?
URAHNE
Ein Dieb, ein Zentaur, bezwang die Mauer.
FRAU
Drache, ffieg, flieg zu unsrem Schutz.
DRACHE
Meine Schwingen sind lahm!
Auf dem Bauch nur bleib ich liegen.
URAHNE
Impotent der Göttliche;
dort ist mein Land fortan, weit, weiter als die Sterne.
Doch ihr mögt beten zu mir.
MANN
Was taten wir?
Unsre Schuld?
FRAU
Warum sind wir so allein?
MANN
Welch schmerzensreicher Verlust!
FRAU
Welch wehe, unstillbare Wunde!
MANNUNDFRAU
Wein', wein', und klag' hinfort, verlorn, ach venom diese süsse Zeit. Schau zurück, zurück, und blick' noch einmal in den weit entrückten Garten;
Rosenbeete und Wiesen; Flusses Rauschen, verloren, doch erinnert in den bittersüssen Liedern der Musik.
Geh'n wir!
Die Schlange gleitet schnell, sich ringelnd, in ihr Loch.
Die Reine unberührte Gottheit steigt auf gen Himmel.
Es war eine liebe Gemeinschaft, verkommen jetzt zu kalter Gleichgültigkeit bei den wachenden Sternen.
Zur vollen Lust des Menschensinns, erfahrn auf engem Raum der Schöpfung ganzer Reichtum, ja mehr, ein Hininiel auf Erden;
denn seliges Paradies der Garten war.
Südwärts wand sich ein mächt'ger Strom durch den schroffen Berg, floss drunter durch, verschwand, und aufs neu entsprang segnete jeden Strauch, gab Nahrung Blumen, würdig des Paradieses, Das war der Ort!
6. Der Triumph des Lebens
Soli und Chor
Ende des ersten Teils
Top
Zweiter Teil
Der Titel stammt von Shelleys letztem. unvollendeten Gedicht. Ich habe Teile daraus Seite an Seite mit einem Bericht über Shellevs Tod vor der toskanischen Küste komponiert.
Das Thema des Fixierten, des Unerbittlichen in der Natur wird nunmehr unter menschlichen Vorstellungen u'eitergedacht.
'Triumph', ZL'ieShelley ihn versteht, istambivalent. Die Unaufhaltharkeitdes LehensaufdieserErde, getragen L'on dengleichen kreativen
Mächten, die Antriebskraft des expandierenden Universums 'zu Beginn' (oder hei einer nicht vorstellbaren 'Reversion') waren, ist in der
Tat ein Triumph. Aber die 'Blindheit' der Macht ist furchterregend. Gegenüber dieser 'Blindheit' und 'Furcht' macht der romantische
Held (wie etwa Shelley selbst) seine eigene Unsterblichkeit geltend.
Shelley, der schlaflose Dichter, verbringt die Nacht aufeinem Hùgel. über die Welt meditierend. Hinter ihm steigt der Sonnenwagen zum Himmel auf. Er wird zu einer großen tragischen Erscheinung eines dahinrollenden Wagens. beladen mit einer Menge menschlicher Gestalten, die schließlich alle herausgeschleudert werden.
Shelley kann zu einem entscheidenden Augenblick und Ort die Frage stellen: Was sehe ich vom Absoluten?' Es gibt keine dïrekte Antwort. Stattdessen erei~gnet sich in dem Stück eine Transformation der Wagenszenezum Drama von Shelleys eigenem Tod. So haben wir im Verlauf des ganzen Stücks dir Spanne vom Morgengrauen zum Mittag und zurück zur Nacht durchschritten. Der Legende zufol~ge vo/ltr Shelicys Herz, als sein Leichnam geborgen wurde und (gemäf3 dem Gesetz) eingeäschert werden sollte, nich! verbrennen.
CHOR
T E N O R
Es floh vor mir die Nacht; im Rücken stieg der Tag; die Tiefe lag mir zu Füssen, der Himmel hoch über mir, als ein seltsamer Traum über mein Grübein wuchs . .
len Morgengraun
ruhte schlaflos der Dichter auf dem Hügel, ausgestreckt die matten Glieder . .
. . . Traum,
Als diese Trance mit seltsam' Sinnen mich hielt,
dies war die Botschaft meines Tagtraums: ..
Mich deucht' ich sass am Rande einer Strasse.
Menschenmengen, Mückenschwämten gleich im letzten
Sonnenstrahl,
Beid'alt und jung, Männer und Knaben
in einem einzigen Strom kamen einher, Bisswass, wissend schwingen . .
. . . kamen einher,
sie hasteten alle, doch keiner schien zu wissen
welches sein Ziel', woher er kam, und weshalb.
Während ich starrte, mich deucht', dass auf dem Weg
die Menge wurde wilder.
Und wie des schlafenden Storms Gewalt wächst,
so kam ein Wagen auf dem stillen Sog
seiner eig'nen brausenden Pracht, und eine Gestalt.
Alle vier Antlitze des Wagenlenkers
hatten die Augen verbunden . . . wenig Nutzen bringt
ein schnelles Gefährt und Blindheit hinterwärts,
auch nicht der Balken, der die Sonn' verdeckt,
und sein verbundnes Aug' dringt nicht ins Reich
von dem was ist, was war und was geschehn wird.
So schlecht war des Wagens Lenkung, doch er fuhr
ganz unbeirrt majestätisch seine Bahn.
Die Menge wich, und ich fuhr hoch bestürzt
oder glaubt', ich tat's, so lebhaft war der Traum;
ich sah gleich Wolken nach dem Donnerschlag
die Million mit wildem Sang und irrem Tanz
wirbeln herum.
Denn wo auch
der Wagen rollt', eine gefangne Menge
ward getrieben.
Betroffen zutiefst von diesem Trauerspiel,
mehr zu mir selbst sagt' ich: ‚Und was soll das?
Wes Gestalt ist das in diesem Wagen? Weshalb?'
Ich wollte fortfahren: ‚Ist hier alles vertan?'
Eine Stimme antwortete ...
‚Leben'
‚Doch was ist Leben?' fragt'ich ...
Der Krüppel hatte
den Wagen fest im Auge, der nunmehr
weitergerollt war, als müsst' sein Blick der letzte sein,
und antwortete . .
ALLE SOLI
Aus ihrem Hafen schiesst eine Jacht, sucht zu überlisten die Sonn'.
Die Gestalt in ihrem Bug, sagt, wer es ist?
Wer es ist?
Der schlaflose Dichter, Geistes Steuermann auf dem Meer des Lebens; kaum kennt er die Natur des Meers! Sie setzen Segel auf Segel auf neuer Takelage;
ein Wettlauf wohl
mit dem unaufhaltbarn Untergang der Sonn'. Rascher, rascher!
Rascher, rascher!
Nicht mehr hin zur Sonn', doch fliegend nunmehr vor dem Sturm, er jagt sie rücklings vor dem Wind. Alle andren Schiffe streichen ihre Segel, sie hasten, panisch, hin zum Land, doch nicht dem des Dichters,
Ein hilfreicher Schiffer
im Vorbeifliegen zum Land,
ruft, an Bord zu kommen oder Segel zu streichen. Die hohe dunkle Gestalt vorn im Bug schreit: ,Nein!', abermals: ‚Nein!'
Stolz wie die Sonne selbst, doch stürzend in die Nacht. Da die Nacht kommt,
o ahnen wir, was dann geschah?
Die Jacht mit vollen Segeln
sie kentert' — und versank.
SOLL UND CHOR
Wirklich die Zeit, wirklich der Ort, die Nacht, der Strand?
Wirklich das Schauspiel unseres Tuns?
Zwängen den meernassen Leichnam in den metallnen Sarg:
harsch die Einäscherung.
Wirklich das Feuer, das Feuer vom Himmel? Wirklich der Schall? Erschallend.
Flammen weiden sich am Fleisch, Gebein
am Blut.
Wirklich?
Oder unwirklich?
Die Trance, die kein Schlaf war, von solcher Klarheit, dass das Geschehen wirklich schien. ln ihr erschauten wir, dass das menschlich schlagende Herz sich niemals ausbrennen lässt ganz und gar.
7. Spiegel des Weißen Lichts Chor
Wissenschaftliche und technische Meisterschaft befinden sich jetzt än Vordergrund. Der Titel nimmt Bexug auf die alchimistische ReInIgung oder das Verfahren des Weifšmachens', wodurch ein unedles Metall in Gold umgewandelt würde, und im erweiterten Sinne auf die Reinigung der menschlichen Seele. Musik dient wiederum als eine Metapher des Ordnens: daher die drei kanonischen Choralvorspiele über den gregorianischen Choral Veni creator spiritus, diejeweils den drei Abschnitten des Satzes vorangehen.
Die Abschnitte selbst stellen drei historische Augenblicke in der triumphalen Entwicklung zu einem Höhepunkt von 'Maß' und 'Macht' heraus. Mit Pythagoras aufSamos wird die Unabhängigkeit der Physik L'on der Metaphysiklediglich angedeutet; aber seine Graphiken von den Maßen leifeten eine Entwicklung ein, die mit der Herausforderung des kirchlichen Do~~nnas durch die Alchimie in ein entscheidendes Stadium trat, als es um die Erforschung der möglichen Mutation von Elementen ging. Mit der Spaltung des Atoms — und einer nochmaligen Beschwörung Schiwas (unseren Untergang herbeizutanzen ?) — ist die gesellschaftliche Ambivalenz der Technologie, die hieraus entstanden ist, von der gleichen blendenden Helligkeit svie der Augenblick von Hiroshima seibt, symbolisiert in der Blechbläsermusik der Koda.
CHOR
Fährst du gen Samos über das weindunkle Meer, erinn're dich des Propheten
der Knoten von Musik und von Zeit, halb zwischen Schwerkraft und dem blauen Horizont der unendlichen Quadranten des Raums.
Denn Natur ist Zahl.
O Zinnober, rosenrot dies dunkle Metall, höllisch glühend
heisser, heisser!
Strahlend
schaut, schaut!
ein silberner Tropfen, Perle aus Quecksilber. Denn Feuer ist Alchimie.
Feuer und Arithmetik, Blitz auf Blitz der Spiegelung von Geist gen Geist setzt frei die Masse des Atoms in einer Weisse, die überschatt' die Sonne. Auch Schiwa tanzend unsern Untergang.
8. Hiroshima, mon amour
Sopran und Chor
Eine einzige Frauenstimme Ist zu horen in einem Akf des Gedenkens und der Trauer, einem Klagegesang für alle die, die ihr Leben in einer brutalen Welt verloren. Der Text Lstfast ausschliefllLch dem Requiem von Anna Akhmatowa entnommen und am Schluß ihrem Gedicht ohne einen Helden, Dlchtungen, dIe aus therm eigenen Erleben zu demjenigen ganz Rußlands wurden. Jetzt, durch Übersetzungen in andere Sprachen und vielleIcht auch en Musik, sind sie zu einem Erlebnis fir dieganze Weit geworden.
SOPRAN CHOR
Nein, . (summend) . .
unter keinem anderen Himmeisdach. Nein, kein Obdach unter fremden Schwingen.
Ich war wo, . . . wo,
dort bei meinem Volk, . . , dort,
wo, ah welch ein Tag, es musste sein.
Alles ist jetzt gestört allzeit
und ich bin ohnmächtig zu sagen,
wer ist Mensch und wer ist Tier
und ob mich erwartet Tod.
Woll't, dass ich die Namen aller verlas,
doch sie stahlen die Liste,
und jetzt fehlt sie mir.
Ich hab' gewoben ein grosses Leichentuch für dich
aus jenem Abschiedswort,
das ich dich sprechen hört,
mir im Gedächtnis immer und überall,
mir unvergesslich, komen' ein neuer böser Tag.
Und verschlossen sie meinen gequälten Mund,
durch den die tausend Millionen schrei'n,
dann sollst du dich erinnern
bei dem Anbruch meines Gedächtnistags.
Langsam erfüllt es mein Herz,
einer Melodie in Musik gleich.
‚Lebwohl ...
Ich hört' ihn flüstern:
. Du sollst meine Witwe sein,
Oh meine Taube, mein Stem, meine Schwester.'
9. Drei Gesänge:
I Das abgetrennte Haupt
Soli und Chor
Szenen aus der Orpheus-Mythologie: nicht nurjener Teil des Mythos (derdie Phantasie Europas seit dem 16.Jahrhundert so beschäftigte), der den Tod der Eurydike und Orpheus' Versagen, als er sie vom Hades zurückholen wollte, zum Inhalt hat, sondern auch Orpheus' Tod durch die Hand der Furien, der thrakischen Frauen, die seinen Körper in Stücke rissen und sein Haupt in den Fluß warfen, in dem es seewärts trieb, immer noch singend.
Ein Terzett beschwört Orpheus, wie er allein aus der Unterwelt zurückkommt, 'ins Tageslicht schreitend'. Ein Soiobariton singt eine Vertonung von vier Verszeiien aus Rilkes Sonette an Orpheus (nach einem Eingangszitat von Dowiand); Riikes Botschaft sagt im Grunde aus, da/I nur ein Mensch, der die dunklen Seiten der Weitgekannt und durchlitten hat, wahrhafl lobpreisen kann; Orpheus suchte den Hades auf und hat so seine Finsternis erfahren. Das Terzett schildert sodann die Furien und Orphens' Tod, und der Soiobariton (das singende Haupt verkörpernd) singt weitere Verszeilen von Rilke.
TRIO (SOPRAN. ALT UND TENOR) CHOR
Späh' hinab in der Höhle Schlund,
wo in seinem Wahn der Sänger irrte,
kommend und gehend . . . vor und zurück
und abermals nach vorn.
BA R L TON
"Ich sah die Liebste weinen, " . . . Ah
SOPRAN UND TENOR
Schreit' fort, schreit' fort in das Tageslicht!
BARLTON
"Nur wer schon hob
die Leier auch unter Schatten,
darf erahnend erstatten . . . Schall
das unendliche Lob."t
TRIO
Schaut die wilden Frauen, schwärmend an des Flusses Rand, schänden
malmen
verstümmeln
reissen in Stücke
das ganze anatomische Gefüge. Das Haupt, Schädel zu hart zu beissen,
BARITON
Wehe! wo sind wir? Immer noch freier, wie die losgerissenen Drachen, so jagen wir halbhoch, mit Rändern von Lachen, windig zerfetzten.
Ordne die Schreier, o singender Gott!
Dass sie rauschend erwachen, fliessend . . . Zeit tragend als Strömung das Haupt und die Leier.
tfrei nach Rilke 'Die Sonette an Orpheus' IX.
II Die bedrängten Freunde
Alt und Chor
Hier wird eine wirkliche Begebenheit angesprochen. Eine Gruppe von Gegnern des Nazi-Regimes im von Japan besetzten Peking wartet
1944 aufdas Ende des Kriegs. Während sie warten, wohnen sie einer Reihe von Vorlesungen über das 1-Ching bei, gehalten von Helmut
Wilhelm (dem Sohn von Richard Wilhelm, dem namhaften Übersetzer des 1-Ching).
Mein Text befaßt sich mit den zwei Methoden, vom 1-Ching Gebrauch zu machen: das Legen von Schafgarbenhalmen oder das Werfen von Münzen. Heute gibt es den mit Schafgarbenhalmen jonglierenden Wahrsager und den blinden, mit Münzen hantierenden Elötisten des Kaisers nicht mehr. Aber noch immer können wir das Buch nutzen, so wir wollen. In seiner letzten Vorlesung demonstrierte Wilhelm aufBitten seiner Zuhörer die Schafgarbenhalm-Methode, um sich der hellseherischen Kräfte des Buchs zu bedienen. Das sich ergebende Diagramm war Erlösung. Glück kann sich einstellen, wenn wir uns nur richtig verhalten. Wie bereits zuvor, als ich Anna Akhmatou'as Dichtung vertonte, habe ich die Metapher ere.veitert, um ihr die Bedeutung einer mehr allgemeingültigen moralischen Aussage in unserer gewaittätigen und turbulenten Gegenwart zu verleihen: kurz, eine Metapher der Standhaftigkeit.
ALT
Nicht im Palast aus Jade, wo der Wahrsager des Kaisers fragt das Schafgarbenorakel. Nicht in der Hütte, wo der blinde, Flöte spielende Strassenhändler Münzenstempel ertastet.
Unbemerkt von Hund und Falk', in dem Ziegenwinterhaus warten wir, als er das Buch befragt:
Welche Zahl ist das Jetzt?
CHOR
Ah. Warten lang
bis er nennt das Zeichen und die Zahl.
Vierzigstes von vierundsechzig:
Erlösung.
Ah. Warten lang
bis er verkündet den Spruch.
Wenn nichts bleibt, wohin wir sollten gehn,
nur Umkehr bringt Glück.
Wenn's etwas gibt, wohin wir sollten gehn,
Eile bringt uns das Glück.
III Der Aufbruch des jungen Schauspielers Tenor und Chor
Unsere Sterblichkeit ist die einzige unabwendbare Eigenschaft unseres Daseins: Der Triumphwagen des Lebens wird einen jeden von uns, Groß und Klein, herabstoßen. Lediglich dle Fortzeugung der Art kann unsterblich sein. Und dennoch, wenn wir uns diese Sicht zu eigen machen, sind wlr stets von unserer ZeLtgeprägt und müssen deshalb alles im Gleichgewicht halten, da sie nicht etwas Absolutes ist. Wir sind mit einem Wort Schauspieler, die wir uns immer wieder am Anfang eines Dramas finden. Hier in diesem Gesang besucht ein junger Schauspieler vor seiner ersten Probe im Theater von Olympia (in einem Roman über das antike Griechenland) die Sehenswürdigkeiten und den Tempel des Zeus. Er blickt aufdiegroße Statue des Gottes. Wie sein Auge nach oben wandert, truffi es das 'Antlitz der Macht'.
TENOR
Glut lag überm waldigen Tal,
denn Frühling kommt als Sommer dort.
Schon war der Fluss nur ein Rinnsal in seinem stein'gen Bett;
der Staub die Füsse versengt',
die Farben der Statuen leuchteten.
Ich trat ein aus der Sonnenglut
in die sanft kühlen Schatten,
bestaunte mit den andern die grosse Statue im Innern,
das Gold und Elfenbein,
den Thron, so gross wie mein Zimmer zu Haus.
Bis mein Aug'
nach oben wandemd,
traf das Antlitz der Macht, das sagt:
CHOR
O Mensch, schliess Frieden mit deiner Vergänglichkeit, denn auch sie ist Gott.
(Die Musik leitet in Nr. 10 über)
10. Das Singen soll niemals enden
Soli und Chor (wortlos)
SchlieBlich wird der Klang 'Wo keine Lufte wehen' (die Metapher fur das Transzendentale in diesem Stuck) augenblicklich allmachtig gegenwartig und unmittelbar.
Ende
Top
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